
Warum Selbstliebe kein Egoismus ist und Selbsttreue für mich noch einen Schritt weitergeht.
Es war ein ganz normaler Abend, als ich über den Post einer Frau stolperte, die ich sehr schätze. Asha Ospelt, Coach und Autorin, hatte eine Frage in die Welt gestellt, bei der ich hängen blieb:
„Alle reden von Selbstliebe. Haben wir dann nicht nur noch Egoist*innen?“
Ich musste schmunzeln. Und gleichzeitig wurde es in mir ganz still.
Weil ich diese Frage so gut kenne. Von innen.
Der Satz, der alles formte
Irgendwo in meinem zwei- oder dreijährigen Gehirn hatte sich ein Satz festgesetzt. Ich weiß nicht mehr genau, wann er fiel, wer ihn sagte, in welchem Moment. Aber er war da. Fest. Tief.
„Du bist ein alter Egoist.“
Kinder nehmen solche Sätze nicht als Meinung auf. Sie nehmen sie als Wahrheit. Und so wurde aus einem flüchtigen Moment ein Glaubenssatz, der mich jahrelang begleitete. Still, unsichtbar, mächtig.
Er flüsterte mir zu, wenn ich Nein sagen wollte: Das wäre egoistisch.
Er meldete sich, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse spürte: Stell dich nicht so an.
Und er sorgte dafür, dass ich immer wieder über meine Grenzen ging.
Nicht weil ich es wollte. Sondern weil ich Angst hatte, das zu sein, was dieser Satz beschrieb.
Ein Egoist.
Der Preis des Selbstverzichts
Ich habe diesen Glaubenssatz nicht hinterfragt. Lange nicht.
Stattdessen habe ich funktioniert. Gegeben. Geleistet. Mich gekümmert.
Bis mein Körper sagte: Genug.
Mein Burnout war kein Zeichen von Schwäche. Heute sehe ich ihn auch als Folge davon, dass ich zu lange zu viel gegeben – und mich selbst dabei immer weniger gespürt hatte. Mein Körper übernahm irgendwann das, was ich selbst viel zu lange nicht aussprechen konnte:
Ich brauche auch etwas.
In der Stille danach begann ich zum ersten Mal wirklich hinzuschauen. Auf den Satz. Auf das, was er in mir bewirkt. Auf die Frage, ob das überhaupt stimmt.
Ob Selbstliebe wirklich Egoismus ist.
Was Selbstliebe wirklich ist
Asha schreibt es auf einer der Folien ihres Posts so klar, dass ich es einfach stehen lassen möchte:
Selbstliebe ist geprägt von Empathie. Sie heißt, sich selbst wertzuschätzen, ohne anderen zu schaden.
Genau das.
Egoismus fragt zuerst nach dem eigenen Vorteil – notfalls auf Kosten anderer.
Selbstliebe achtet die eigenen Bedürfnisse, ohne die der anderen deshalb wertlos zu machen.
Das ist ein fundamentaler Unterschied, den ich am eigenen Leib erfahren habe.
Als ich lernte, mich selbst zu sehen – mit meinen Grenzen, meinen Bedürfnisse, meiner Erschöpfung – wurde ich nicht weniger fürsorglich. Ich wurde ehrlicher. Zu mir und zu anderen. Ich wurde präsenter.
Und ich konnte geben, ohne dabei zu verschwinden.
Selbsttreue ist nicht das Gegenteil von Liebe
Es gibt ein Wort, das ich inzwischen lieber mag als Selbstliebe. Nicht, weil Selbstliebe falsch wäre. Sondern weil es für mich noch etwas anderes beschreibt:
Selbsttreue.
Treu zu sich selbst zu sein bedeutet: zu wissen, wer du bist. Was du brauchst. Was dir wichtig ist. Und danach zu handeln – auch wenn es unbequem ist. Auch wenn andere das missverstehen könnten oder nicht gut heissen.
Selbsttreue ist nicht das Gegenteil von Liebe.
Sie ist ihr Fundament.
Denn wie kannst du wirklich für andere da sein, wenn du nicht weißt, wer du selbst bist? Wie kannst du geben, was du dir selbst verweigerst? Wie kannst du jemandem zeigen, wie er mit dir umgehen soll, wenn du selbst nicht weißt, was du dir wert bist?
Für dich
Vielleicht kennst du diesen Satz auch. Nicht unbedingt „du bist ein Egoist“ – er kann viele Formen haben.
Stell dich nicht so an.
Nimm dich doch nicht so wichtig.
Anderen geht es noch viel schlechter.
Und vielleicht hat dich dieser Satz, genau wie mich, dazu gebracht, dich selbst immer wieder hintenanzustellen. Zu geben, bis nichts mehr da war.
Dann ist dieser Artikel für dich.
Nicht als Aufforderung, alles hinzuschmeißen und nur noch an dich zu denken. Sondern als leise Einladung, dich zu fragen:
Was würde sich ändern, wenn du anfingst, dir selbst gegenüber treu zu sein?
Nicht statt der anderen.
Sondern – endlich – auch für dich.
Dein Takeaway:
Dir selbst treu zu sein heißt nicht, dich gegen andere zu entscheiden.
Es heißt, dich selbst nicht länger aus der Gleichung zu streichen.
Vielleicht möchtest du weitergehen… Selbsttreue-Test – Wie treu bist du dir selbst gerade?

