Ich dachte, wir wären weiter

Warum Gleichberechtigung im Alltag beginnt –
und warum Haltung heute wichtiger ist denn je.

„Also, wenn die Kinder krank sind – oder irgendetwas außer Plan läuft – dann ist das automatisch mein Job.“

Sie sagt es fast beiläufig.
Ein kleines, verlegenes Lachen hinterher.
Zwei kleine Kinder, beide berufstätig, eigentlich ein modernes Paar.

Ich höre ihr zu – und bin für einen Moment sprachlos.
Wie bitte? Wir leben in den Zwanzigern des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Ich dachte, wir wären weiter.

In den letzten Wochen habe ich einige solcher Gespräche geführt.
Mit jungen Frauen, Anfang, Mitte dreißig. Gebildet. Selbstbewusst. Berufstätig. Liebend.
Und trotzdem immer wieder dieser Satz:
„Wenn etwas außer Plan läuft, bin ich zuständig.“

Woher kommt das?

Hat uns jemand gesagt, dass wir automatisch einspringen müssen?
Oder haben wir es – leise, fast unbemerkt – selbst übernommen?

Ich fühle mich emanzipiert.

Und doch: Wenn ich ehrlich bin, liegt auch in meiner Beziehung ein sehr großer Teil der Care- und Hausarbeit bei mir.
Natürlich hilft es da nicht unbedingt, dass ich freiberuflich von zu Hause arbeite. Ich bin ja „da“.

Und während ich darüber nachdenke, lese ich vom diesjährigen Aufruf zum Frauenstreik am 9. März.

Über hundert Jahre Frauenbewegung.
Und wir streiken noch immer.

Ich merke: Das macht mich traurig.
Und ein wenig ärgerlich.
Nicht nur auf Strukturen – auch auf uns selbst.

Was geschieht, wenn wir müde werden?
Wenn wir denken: Ach, es lohnt sich nicht mehr.
Wenn wir still bleiben?

Ein Staffellauf über Generationen

Meine Ahninnen sind losgelaufen – oft unter ganz anderen Bedingungen, mit viel mehr Widerstand.
Sie haben gekämpft, damit ich wählen darf. Damit ich arbeiten, mein Konto führen und eigenständig leben darf.

Sie haben mir den Stab übergeben.

Und ich trage Verantwortung, ihn weiterzureichen. An meine Kinder und Enkel.
An junge Frauen, die heute selbstverständlich studieren, reisen, arbeiten – und trotzdem noch immer hören:
„Wenn die Kinder krank sind, ist das dein Job.“

Besonders berührt hat mich der Dokumentarfilm „Ein Tag ohne Frauen“ von Pamela Hogan und Hrafnhildur Gunnarsdóttir über den isländischen Frauenstreik 1975. So ruhig. So klar. So entschlossen. Diese Frauen waren nicht schrill. Nicht aggressiv. Sie waren klar., ruhig und entschlossen. Und sie sind einfach gegangen. Einen Tag lang haben sie ihre Arbeit niedergelegt – bezahlt und unbezahlt.

Island gilt heute als eines der Länder mit der größten Gleichstellung.
Zufall? Wohl kaum.

Vielleicht braucht es nicht immer den großen Kampf.
Vielleicht braucht es Haltung.
Und Haltung heißt für mich nicht: gegen Männer sondern für uns.

Für Gespräche auf Augenhöhe.
Für ehrliche Fragen: Wie verteilen wir Verantwortung wirklich?
Für das gemeinsame Anschauen von Filmen, das Hören von Podcasts, das Öffnen von Perspektiven.
Für das sanfte, aber konsequente Ansprechen auch der „kleinen“ Kommentare.

Ich bewundere eine deutlich jüngere Freundin von mir.
Sie kommentiert konsequent – ruhig, klug, sachlich – wenn etwas frauenfeindlich oder herabwürdigend ist.
Immer. Auch dann, wenn ich innerlich schon denke: Lohnt sich das?

Es lohnt sich.
Einer der überzeugtesten Feministen, die ich kenne, ist ihr Ehemann.

Vielleicht beginnt Veränderung genau dort.

Nicht im großen Schlagwort.
Sondern im Gespräch am Küchentisch.
Im bewussten Aufteilen von Verantwortung.
Im Aufstehen – immer wieder.

Frauenrechte sind Menschenrechte.
Und wir stellen fünfzig Prozent dieser Welt.

Was du daraus mitnehmen kannst:

• Hinterfrage leise Selbstverständlichkeiten – besonders die, die dich überfordern.
• Suche das Gespräch. Nicht im Vorwurf, sondern in Klarheit.
• Informiere dich gemeinsam – Wissen verbindet.
• Und wenn es sich für dich stimmig anfühlt: Zeige Haltung. Auf deine Weise.

Nicht laut.
Aber sichtbar.

Ich werde weitergehen. Mit offenem Herzen – und aufrechtem Rücken.

Gehst du mit?

Von Herzen,
Heike

Dein Takeaway
Was selbstverständlich wirkt, darf hinterfragt werden.
Was unfair ist, darf benannt werden.
Was wichtig ist, verdient deine Stimme.

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