
Mutterliebe und Loslassen
Eine Nachricht erreicht mich an einem ganz normalen Abend.
Ein Post, weitergeleitet von einer jungen Frau, die mir sehr am Herzen liegt –
frischgebackene Mutter eines kleinen Sohnes, gerade ein paar Monate alt.
Der Post handelt vom Loslassen. Aus Muttersicht.
Von diesem Thema, das uns Mütter ein Leben lang begleitet:
Vom ersten Atemzug unseres Kindes an.
Mit Stolz. Mit Liebe. Mit Angst. Mit Segen.
Während ich lese, spüre ich:
Dieses Gefühl kenne ich sehr gut.
Ich habe mütterliches Loslassen nie perfekt gemeistert –
wahrscheinlich hat niemand von uns das je.
Aber ich habe es gelebt. Immer wieder. In jeder Phase neu.
Es beginnt mit der Geburt selbst:
Dem ersten Loslassen nach neun Monaten,
in denen er ganz und gar mein war.
Dann das eigene Bettchen.
Der erste Tag im Kindergarten.
Die erste Übernachtung woanders.
Später die erste Ferienreise ohne mich.
Die Pubertät.
Der Auszug – plötzlich ein leeres Nest.
Und irgendwann vielleicht die andere Stadt.
Ein anderes Land.
Die Hochzeit.
Das erste eigene Kind.
Ein ständiges Auf und Ab von Nähe und Distanz.
Und dabei immer dieses Gefühl, für das ich lange keinen Namen hatte:
Der Stolz über Wachstum, Entwicklung und Eigenständigkeit –
und gleichzeitig dieses Ziehen im Bauch, im Herzen.
Wie ein Verlust, der eigentlich keiner ist.
Bei Hannah, meiner Pilates-Trainerin,
lernte ich vor Jahren ein Wort, das genau das trifft: Wohlweh.
Dieser Schmerz bei einer tiefen Dehnung,
von dem du weißt, dass er gut tut, weil er etwas öffnet.
Während ich den Post lese, der mich an diesem Abend erreicht, begreife ich:
Genau das ist es.
Mein ganzes Muttersein lang habe ich dieses Wohlweh gespürt,
ohne einen Namen dafür zu haben.
Stolz und Wehmut im selben Atemzug.
Liebe, die sich dehnt,
bis es ein bisschen weh tut.
Und genau darin wächst.
Die junge Frau, die mir diesen Post schickt,
steht jetzt am Anfang ihres eigenen Loslass-Weges.
Ihr kleiner Sohn ist erst wenige Monate alt.
Sie wird das eigene Bettchen kommen sehen,
den Kindergarten,
die erste Übernachtung woanders.
Und jedes Mal wird sie dieses Ziehen spüren.
Ich kann ihr diese Schritte nicht ersparen.
Niemand kann das.
Aber ich kann ihr etwas anderes mitgeben:
Das Wissen, dass dieses Ziehen kein Alarm ist.
Es ist kein Zeichen dafür, dass etwas falsch läuft oder die Bindung bricht.
Es ist Wohlweh.
Das Band zwischen Eltern und Kindern darf sich verändern.
Es wird manchmal enger und manchmal weiter.
Es braucht Aufmerksamkeit,
Offenheit und die Bereitschaft,
einander immer wieder neu zu begegnen.
Wenn ich heute auf mein eigenes Muttersein blicke,
auf jeden dieser Momente, in denen ich ein Stück loslassen musste,
sehe ich keinen Verlust.
Ich sehe eine Spirale, durch die wir Frauen gehen –
jede zu ihrer Zeit.
Meine Mutter mit mir.
Ich mit meinem Sohn.
Diese junge Frau mit ihrem kleinen Jungen.
Immer dieselbe Bewegung:
festhalten,
begleiten,
loslassen.
Und lieben.
Vielleicht waren wir nie dafür gemacht, dieses Loslassen zu meistern.
Vielleicht sind wir nur dafür gemacht, es zu leben:
Mit Stolz,
mit Liebe,
mit Angst,
mit Segen.
Und mit Wohlweh.
Denn vielleicht ist dieses Ziehen im Herzen nicht das Gegenteil von Liebe.
Vielleicht ist es ihr Abdruck.
Der leise Beweis dafür, dass wir sie wirklich gelebt haben.
Dein Takeaway
Vielleicht spürst du dieses Wohlweh gerade selbst:
In deiner eigenen Geschichte, mit deinen Kindern, deinen Eltern.
Wenn ja: Es ist kein Zeichen, dass etwas zerbricht.
Es ist das Zeichen, dass du liebst.
Wenn dich das Thema Loslassen gerade besonders beschäftigt,
nicht nur als Mutter, sondern in jedem Lebensbereich, in dem sich etwas verändert,
findest du im Loslassen-Retreat Raum, genau das zu vertiefen.
